Zu Tisch! Chinesische Etikette leicht gemacht

Immer mal wieder stolpert man in Blogs über konsternierte China-Reisende, die zu abgenagten Hühnerbeinen informieren, die besonders die Älteren schwungvoll zu Boden befördern. Das lässt den Verdacht aufkommen, die Chinesen hätten ein unterentwickeltes Tischsitten-Bewusstsein. Wie so oft im Leben, macht da jeder seine eigenen Erfahrungen.

Wie man sich in China bei Tisch benimmt, hängt entscheidend von der Situation ab: Handelt es sich um ein Firmenessen oder ein Treffen mit Freunden? Und von der sozialen Herkunft, sagen meine chinesischen Freunde und in der Tat: meine chinesischen Schwiegereltern, Verwandten und Freunde sah ich noch nie fliegendes Gebein zu Boden befördern. Ihre Knöchelchen balancieren sie auf kleine Teller, machmal auch auf den Tisch, die Papierdecke kommt ja ohnehin weg. Und andersherum? Kann es sein, dass die Chinesen unser Verhalten ebenfalls sonderbar finden? 🤔 … Mehr dazu am Ende des Beitrags.

1. Knigge – bei einem offiziellen Essen

In China wird relativ früh zu Abend gegessen, so zwischen 18 und 19 Uhr. Und so schnell, wie es begonnen hat, ist das Essen auch wieder vorbei. Auch im Restaurant. Nach 21 Uhr schließt die Küche. Romantische Kerzenlichtatmosphäre und gedämpfte Unterhaltungen? Von wegen! Chinas Gourmetempel sind bis in die letzte Ecke mit gleißendem Neonröhren-Licht ausgeleuchtet. Schließlich will jeder genau sehen, was da auf den Tisch kommt.

Grundsätzlich sitzen die wichtigsten Gäste am nächsten zum Gastgeber und bekommen die besten Stücke aufgelegt. Bei einem offiziellen Familientreffen erhalten die Älteren die besten Plätze; im Séparée ist das meist gegenüber der Tür.
(Ich persönlich warte, bis ich platziert werde. Das gilt auch für offizielle Empfänge)

◾️ Der Gastgeber lässt abwechslungsreiche Gerichte servieren, von denen ihr euch bedienen könnt. Nehmt wenig und jeweils nur von einem Gericht. Vor allem: der Gastgeber bestimmt, wann es mit dem Essen und Trinken losgeht.

◾️ Gegessen wird mit Stäbchen. Beim Pausieren beim Reden und Trinken steckt sie keinesfalls in den Reis, da dies nur bei Trauerzeremonien üblich ist. Zur Ablage dienen kleine Bänkchen.
💡 TIPP: 🥢 Essen mit Stäbchen 🙂

◾️ Alles aufessen? Bloß nicht! Das stellt den Gastgeber bloß, ist er doch außerstande, seine Gäste satt zu bekommen.

◾️ Das klischeeartige Schlürfen und Schmatzen hält sich in Grenzen.

◾️ ️Beim Anstoßen: Das gefürchtete ‚gan bei‘ als Aufforderung, sein Glas leer zu trinken, bleibt aus; Sagt ‚yisi, yisi‘. Das ist höflicher. Der Gastgeber wird sein Glas ein weniger tiefer halten als sein Gast. Das signalisiert Bescheidenheit.

◾️ Es zahlt der Gastgeber. Manchmal entwickeln sich ums Bezahlen allerdings auch überaus sportliche Rangeleien, bei denen die Teilnehmer der Kellnerin Geldbündel und Kreditkarten aufdrängen.

◾️ Trinkgeld ist unüblich, auch das geringfügige Aufrunden von Beträgen. Es kann als beleidigend empfunden werden.
(In Shanghai und anderen Touristenzentren beobachtete ich allerdings den Einzug dieser westlichen Sitte. Wenn, dann legt es beim Gehen diskret neben den Teller.)

◾️ Das Abendessen endet abrupt. So ihr danach noch etwas trinken mögt, geht in eine Bar oder – in ein Karaoke-Lokal. Aber Achtung: das Signal zum Aufbruch gibt der Gastgeber.

2. Knigge – bei einem informellen Essen

Hier fällt alle oberflächliche Etikette. Im Kreise guter Freunde, Familie und Kollegen dringt man zum eigentlichen vor: zum Essen. Reich, bunt, vielfältig ist sie, die chinesische Küche und ein Essen ist für die Chinesen ein soziales Ereignis, bei dem sie gern in großen Gruppen an runden Tischen sitzen und ihre Freude am Zusammensein kundtun. Lautstark, versteht sich. Schmatzen, Schlürfen und auch Rülpsen sind erlaubt. Aber kein Muss. Man teilt Tisch und Essen, Genuss und Vergnügen. Sie sind ein Kompliment an Küche und Gastgeber. Essen als Obsession kann nur geräuschvoll zelebriert werden.  🙂

Dass das nicht immer so war, ist dem Besucher des heutigen China nur schwer zu vermitteln. Schmatzen und Schlürfen waren einst verpönt. Doch wie die junge Frau eingangs beobachtete, es gibt sie, die äußerst Geräuschvollen und die Knochenwerfer. 

„Zusammen mit den feinen und gebildeten Klassen entsorgten Maos Revolutionäre … auch Chinas Tischsitten, und so haben Kinder in China heute eindeutig mehr Spaß, und auch Erwachsene dürfen ungestraft Knochenstücke … direkt aus dem Mund auf Tisch oder Boden fallen lassen, Fallhöhe unerheblich.“

Kai Strittmatter: Gebrauchsanweisung für China, Piper Verlag, 3. Auflage 2005, S. 82

Größter Ekelfaktor aus chinesischer Sicht

Eine ganz üble Sache aus chinesischer Sicht ist das Nase putzen bei Tisch. Und noch schlimmer, das vollgerotzte Teil wieder in der Hosentasche versenken. Übler kann man seinen Tischnachbarn kaum mitspielen. Was ist zu tun? Sucht fürs Schnäuzen umgehend die Toilette auf.

Kommunikation bei Tisch:
Vermeidet kontroversen Themen. Und – loben, loben, loben. Die Wahl des Restaurants, den Duft der Gerichte, … .

2 thoughts on “Zu Tisch! Chinesische Etikette leicht gemacht”

    1. Na dann: Gute Reise! Und keine Panik, mehrheitlich sind die Chinesen sehr tolerant, wenn man nicht gleich zu 100%iger Knigge-Hochform aufläuft. Genieße das tolle Essen! 🙂

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