Zu Tisch! Chinesische Etikette leicht gemacht | Knigge

Macht das Sinn? Gibt’s schon tausendfach im Netz. Das war in den letzten Monaten mein Standardsatz, wenn mich Freunde baten, hier doch bitte meinen Tisch-Knigge auszubreiten. Nun also doch. Vielleicht weil ich kürzlich in den Blog einer jungen Frau gestolpert bin, die u. a. konsterniert zu abgenagten Hühnerbeinen informierte, die besonders die Ältern so schwungvoll zu Boden befördern.

Mit den Schwiegereltern am runden Tisch

Das lässt den Verdacht aufkommen, die Chinesen hätten ein unterenwickeltes Tischsitten-Bewusstsein. Doch wie so oft im Leben, jeder macht seine eigenen Erfahrungen. Und wie man sich bei Tisch benimmt, hängt in China entscheidend von der Situation ab. Und von der sozialen Herkunft, sagen meine chinesischen Freunde. Meine chinesischen Schwiegereltern, Verwandten und Freunde sah ich jedenfalls noch nie irgendetwas auf den Boden werfen. Ihre Knöchelchen balancieren sie auf kleine Teller. Und die ehemaligen Schul- und Studienkumpel von Herrn P.? Bei den Klassentreffen im Restaurant herrscht zwar immer freudiges Getöse, doch nie sah ich fliegendes Gebein. Und andersherum? Kann es sein, dass die Chinesen unser Verhalten sonderbar finden?

Sittenkodex – bei einem offiziellen Essen

In China wird relativ früh zu Abend gegessen, so zwischen 18 und 19 Uhr. Und so schnell, wie es begonnen hat, ist das Essen auch wieder vorbei. Auch im Restaurant. Nach 21 Uhr schließt die Küche. Romantische Kerzenlichtatmosphäre und gedämpfte Unterhaltungen? Von wegen! Chinas Gourmetempel sind bis in die letzte Ecke mit gleißendem Neonröhren-Licht ausgeleuchtet. Schließlich will jeder genau sehen, was da auf den Tisch kommt.

  • Grundsätzlich sitzen die wichtigsten Gäste am nächsten zum Gastgeber und bekommen die besten Stücke aufgelegt. Bei einem offiziellen Familientreffen erhalten die Älteren die besten Plätze; im Séparée ist das meist gegenüber der Tür. (Ich persönlich warte, bis ich platziert werde. Das gilt auch für offizielle Empfänge)
  • Der Gastgeber lässt abwechslungsreiche Gerichte servieren, von denen ihr euch bedienen könnt. Nehmt wenig und jeweils nur von einem Gericht. Vor allem: der Gastgeber bestimmt, wann es mit dem Essen und Trinken losgeht.
  • Gegessen wird mit Stäbchen. Beim Pausieren beim Reden und Trinken steckt sie keinesfalls in den Reis, da dies nur bei Trauerzeremonien üblich ist. Zur Ablage dienen kleine Bänkchen.
  • Alles aufessen? Bloß nicht! Das stellt den Gastgeber bloß, ist er doch außerstande, seine Gäste satt zu bekommen.
  • Das klischeeartige Schlürfen und Schmatzen hält sich in Grenzen.
  • Beim Anstoßen: Das gefürchtete ‚gan bei‘ als Aufforderung, sein Glas leer zu trinken, bleibt aus; sagt ‚yisi, yisi‘. Das ist höflicher. Der Gastgeber wird sein Glas ein weniger tiefer halten als sein Gast. Das signalisiert Bescheidenheit.
  • Es zahlt der Gastgeber. Manchmal entwickeln sich ums Bezahlen allerdings auch überaus sportliche Rangeleien, bei denen die Teilnehmer der Kellnerin Geldbündel und Kreditkarten aufdrängen.
  • Trinkgeld ist unüblich, auch das geringfügige Aufrunden von Beträgen. Es kann als beleidigend empfunden werden. (In Shanghai und anderen Touristenzentren beobachtete ich allerdings den Einzug dieser westlichen Sitte. Wenn, dann lasst es beim Gehen diskret neben den Teller legen.)
  • Das Abendessen endet abrupt. So ihr danach noch etwas trinken mögt, geht in eine Bar oder – in ein Karaoke-Lokal. Aber Achtung: das Signal zum Aufbruch gibt der Gastgeber.

Größter Ekelfaktor aus chinesischer Sicht: Nase putzen bei Tisch. Und noch schlimmer, das vollgerotzte Teil wieder in der Hosentasche versenken. Übler kann man seinen Tischnachbarn kaum mitspielen. Was ist zu tun? Sucht fürs Schnäuzen umgehend die Toilette auf.

Kommunikation bei Tisch: Vermeidet kontroversen Themen. Und – loben, loben, loben. Die Wahl des Restaurants, den Duft der Gerichte, … .

Am runden Tisch.

Zu Tisch – am runden, versteht sich. Es gibt aber auch den rechteckigen. Hängt von der Situation ab. 😉

Sittenkodex – bei einem informellen Essen

Hier fällt alle oberflächliche Etikette. Im Kreise guter Freunde, Familie und Kollegen dringt man zum eigentlichen vor: zum Essen. Reich, bunt, vielfältig ist sie, die chinesische Küche und ein Essen ist für die Chinesen ein soziales Ereignis, bei dem sie gern in großen Gruppen an runden Tischen sitzen und ihre Freude am Zusammensein kundtun. Lautstark, versteht sich. Schmatzen, Schlürfen und auch Rülpsen sind erlaubt. Aber kein Muss. Man teilt Tisch und Essen, Genuss und Vergnügen. Sie sind ein Kompliment an Küche und Gastgeber. Essen als Obsession kann nur geräuschvoll zelebriert werden.  🙂

Dass das nicht immer so war, ist dem Besucher des heutigen China nur schwer zu vermitteln. Schmatzen und Schlürfen waren einst verpönt. Doch wie die junge Frau eingangs beobachtete, es gibt sie, die äußerst Geräuschvollen und die Knochenwerfer. „Zusammen mit den feinen und gebildeten Klassen entsorgten Maos Revolutionäre … auch Chinas Tischsitten, und so haben Kinder in China heute eindeutig mehr Spaß, und auch Erwachsene dürfen ungestraft Knochenstücke … direkt aus dem Mund auf Tisch oder Boden fallen lassen, Fallhöhe unerheblich.“*

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Zu Tisch in China!

Zu Tisch in China!

Quelle:
* – Kai Strittmatter: Gebrauchsanweisung für China, Piper Verlag, 3. Auflage 2005, S. 82

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