Hungrige Geister – das chinesische Totenfest Qing Ming

Jedes Jahr am 4. oder 5. April, selten auch am 6. April, gedenken die Chinesen ihrer Toten. In zwei Tagen ist es soweit. Wenn in China das Qingming-Fest ansteht, das Totenfest, dann mĂŒssen die Familien schleunigst zu ihren Ahnen und die FamiliengrĂ€ber putzen. Also auch meine Familie in Ningbo. Was passiert da?

Auf dem Weg zu den Ahnen in Ningbo

Wir fahren mit einem Cousin zum Friedhof, der eine Stunde außerhalb Ningbos in einer HĂŒgellandschaft liegt: Der Cousin wirkt fahrig, und das keineswegs, weil aus dem MP3-Player seiner Frau unentwegt buddhistische MönchsgesĂ€nge tönen, sondern weil die GrĂ€ber erst einmal gefunden werden wollen. Ningbo hat sich innerhalb eines Jahres derart verĂ€ndert, dass er befĂŒrchtet, die Ausfahrt aus der Stadt zu verpassen. … VerspĂ€tet eilen wir zu unseren 20 Verwandten, die schon an den GrĂ€bern zugange sind. Ein jĂŒngerer Onkel von Herrn P. ĂŒberpinselt mit leuchtendem Rot verblasste Schriftzeichen am Grabstein seiner Eltern. Andere bleiben schwarz. Wenig spĂ€ter halten wir je drei RĂ€ucherstĂ€bchen in den gefalteten HĂ€nden, verbeugen uns drei Mal vor dem Grab und wĂŒnschen den Toten eine gute Zeit, dort, wo sie jetzt sind. Eine Tante packt TĂŒten mit Äpfeln und Bananen auf das steinerne Tischchen vor dem Grabstein, eine andere legt grĂŒne Reiskuchen dazu. Die nĂ€chste Verwandte stapelt hinter dem Grabstein ein Dutzend gelbe TĂŒten mit Papiergeld aufeinander und die buddhistische Cousine fĂ€llt betend auf die Knie. Weiter geht’s, zum Grab eines Ă€lteren Bruders. Und auch dort: RĂ€ucherstĂ€bchen, Verbeugen, FrĂŒchte auf den Tisch, 
 . Plötzlich qualmt’s. Und das ordentlich. Damit sich die Ahnen auch im Jenseits etwas leisten können, verbrennt die Familie das Papiergeld.

Wir feiern mit den Toten

Das Totenfest in China ist  keineswegs nur ein Tag der Trauer. Schon auf dem Friedhof verputzen wir die ersten Opfergaben. Dreieckige StĂŒcke eines Kuchens aus einer Plastikschachtel. Es schmeckt. Es wird gelacht. Ein anderer Cousin bringt uns zu einem Restaurant, in dem sich die Familie versammelt und dann auch gemeinsam isst. FĂŒr den weiteren Tag unternehmen die Verwandten nichts mehr miteinander. Zu gewagt, nach einem Tag am Grab. Es bringt UnglĂŒck. Wer will das schon?

Die Opfergaben werden entweder sofort auf dem Friedhof verputzt oder, wie hier im Restaurant, spÀter verteilt.

Fragen rund um die Zeremonie? Kein Problem. Zwei Familien aus Ningbo sind so lieb, mir alles zu erklÀren:

Wieso zĂŒndet jeder drei StĂ€bchen an und verbeugt sich drei Mal?
„Das geht auf die drei SchĂ€tze im Buddhismus zurĂŒck. Zuerst soll man sich von allen schlechten Gewohnheiten abgrenzen. Ziel ist es, ein reines Herz zu bekommen. Jetzt kann man zweitens entspannen und ruhig werden, um sich dann drittens geistreich zu fragen: Was ist der Sinn des Lebens?“

Einige Schriftzeichen auf den Grabsteinen sind rot, andere schwarz. Was bedeutet das?
„Auf dem Grabstein befinden sich neben den Namen der verstorbenen Eltern, drei weitere Reihen mit Schriftzeichen, zu lesen von oben nach unten. Reihe 1: die Namen der vier Söhne, Reihe 2: die Namen der drei Töchter, Reihe 3: die Namen der vier Enkelsöhne. Alle tragen den Familiennamen Li, auch die Töchter, weil sie ihre Familienamen in China auch nach der Hochzeit behalten. Der Li-Name bildet die Wurzel der Familie und leuchtet daher in Rot. Rot sind auch die Vornamen aller noch lebenden Kinder und Enkel. Stirbt jetzt beispielsweise die Mutter, steht das Zeichen fĂŒr Li weiterhin in Rot auf dem Stein, wĂ€hrend sich der Vorname in Schwarz wandelt. Denn der Rufname ist austauschbar.“

Qing-Ming ist keineswegs nur ein Tag des Besinnens und der Trauer. …

Es geht hier recht fröhlich zu, so im Vergleich zum Totensonntag in Deutschland. … .
„WĂ€hrend die RĂ€ucherstĂ€bchen abbrennen, essen die Toten. Das ist doch sehr schön. …“

Fotografieren am Grab – lieber nicht. Was passiert da?
„Beim Fotografieren nimmst du die negative kalte Energie mit deiner Kamera auf. Sie bleibt im Bild und damit bei dir. Das bringt UnglĂŒck.“ …

Und wenn ich unwissentlich auf den Auslöser gedrĂŒckt habe?
„Jaaaa, wenn du nicht dran glaubst, dann passiert dir auch nichts.“   🙂 (Chinesischer Pragmatismus pur.)

Das Qing-Ming-Fest
(chinesisch: 枅明节 | Pinyin: qÄ«ng mĂ­ng jiĂ©)

Ein einzelnes Grab am Rand eines Feldes im SĂŒden Chinas.

Traditionell gedenkt man Anfang April (meist am 4.4. oder 5.4., selten auch am 6.4.) beim Qingming (klar und hell)-Fest, auch Totenfest genannt, der Ahnen. Dann erfolgt ein ausfĂŒhrlicher FrĂŒhjahrsputz und Papiergeld wird verbrannt, zunehmend auch andere lebensnotwenige GegenstĂ€nde. Gefaltet aus Papier sollen sogar Waschmaschinen, Autos und Smartphones unter den Geschenken sein. Anders als bei uns ‚Langnasen‘ geht es beim Friedhofsbesuch in China recht munter zu. Die Ahnen sollen es im Jenseits gut haben, damit sie gar nicht erst auf die Idee kommen, die Lebenden zu belĂ€stigen.

Mythe: chinesische Geister und DĂ€monen
Von Geburt an trĂ€gt man nach chinesischer Weisheit zwei Seelen in sich, die zusammen die Lebensenergie Qi ausmachen: die Yang-Seele Hun und die Yin-Seele Po. Stirbt man, trennen sich die beiden. WĂ€hrend die Hun-Seele gen Himmel steigt und dort zu einem Ahnen wird, bleibt Po im Grab zurĂŒck. Stirbt jemand einen gewaltsamen Tod oder gibt es Streit, dann klappt das mit dem Trennen der Seelen nicht. Ärger ist vorprogrammiert. Den gibt es auch, wenn die Hun-Seele im Jenseits darben muss, weil es die Nachkommen mit den Opfergaben nicht so genau nehmen. Dann werden die DĂ€monen ungemĂŒtlich, wandern umher und drangsalieren die Lebenden. … [mehr]

GrÀber in Ningbo: Einige Schriftzeichen auf den Grabsteinen sind rot, andere schwarz.

2 thoughts on “Hungrige Geister – das chinesische Totenfest Qing Ming”

  1. Liebe/r Pan-Da,
    ich habe schon viele „dritte StĂ€bchen“ angezĂŒndet, aber noch immer kein Ergebnis beim Nachdenken ĂŒber den „Sinn des Lebens“ erreicht.
    Was sollte ich tun?
    Der deutsche Georg

    1. Lieber Georg,

      was ist der Sinn des Lebens? Ob mit oder ohne RĂ€ucherstĂ€bchen, ich glaube, seit Jahrtausenden zerbrechen sich Philosophen darĂŒber den Kopf. Vergeblich! Eine klare Antwort auf diese Frage gibt es vermutlich bis heute nicht.

      Möglicherweise kommt man fĂŒr sich einen kleinen Schritt weiter, wenn man sich selbst fragt: Was ist fĂŒr mich ein sinnvolles Leben? Was soll ich tun, wie soll ich mich verhalten, um mein Dasein sinnvoll zu gestalten? Mir scheint Lebensfreude wichtig zu sein, eine sinnstiftende Arbeit, das GefĂŒhl, geliebt zu werden und auch selbst Freude und Liebe zu geben. Dann ist es gut, da zu sein. Schmalziger Schluss? Egal.

      Alles Gute dir,
      herzlichst Catrin

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