Mythos: Hunde gehören zum chinesischen Speiseplan

Frisch geschmort und knusprig – im chinesischen Yulin findet jedes Jahr im Juni ein Fest statt, das Tierschützer, Patrioten und Moralisten auf den Plan ruft. Alljährlich werden in dem Städtchen im Süden Chinas 10.000 Hunde geschlachtet und natürlich auch verspeist. Skandal! Es ist verwerflich, den besten Freund des Menschen auf dem Teller zu servieren. Dabei fasziniert wohl keine Küchen-Kreation den westlichen Besucher derart, wie das berüchtigte Hundefleisch. Ein Schnappschuss zum Schaudern für die Lieben zu Hause geht immer. Der gilt als Beweis: Sie tun es wirklich! Doch was, wenn Schnuffi unbemerkt auf dem eigenen Teller landet?

Quadratschaedel

Manch einer übertreibt’s mit seiner Hundeliebe, auch in China: Der letzte Aufreger in Taiwan: geometrische Hundefrisuren

„Habt ihr schon mal Hund gegessen?“, frage ich meine chinesischen Freunde. Die schütteln erstaunt den Kopf. Noch nie. „Zu teuer“, sagen sie augenzwinkernd und vor allem „sind die Vierbeiner nur in der Provinz Kanton populär.“ Auch das zweite Hunde-Klischee löst sich auf, denn die dafür verwendeten Tiere sind keine von der Straße weggefangenen Streuner, sondern Züchtungen. Und warum tun die Kantonesen das? Die Antwort ist simpel: Weil sie können!

“ … Der chinesische Religionenmix aus Buddhismus, Daoismus und Ahnenverehrung kennt keine unüberwindbaren Nahrungsmitteltabus. Auch der Einwand, Buddhisten seien doch naturgemäß eher der vegetarischen Nahrung zugetan, ist in China dank einer buchstabengetreuen Auslegung schnell abgewiesen: Buddhisten dürfen keine Tiere töten – das lässt man andere erledigen – essen darf man sie wohl. Über den religiösen Wahrheitsgehalt ließe sich vielleicht streiten, praktisch ist diese Auslegung, wie man sie auch in der Mongolei und anderen buddhistischen Ländern mit fleischlastigem Speisezettel findet, aber allemal. …“

Es ist also ein Mythos, dass Hundefleisch in der chinesischen Küche allgemein als Delikatesse gilt. Die Nordchinesen schauen irritiert auf ihre Hunde essenden Nachbarn im Südwesten, und in Hongkong ist das Schlachten von Hunden sogar unter Strafe gestellt. Wir verdrücken selbstverständlich unser Kuhfleisch, was sich Inder keinesfalls vorstellen könnten. In Frankreich sind Froschschenkel en vogue und in Peru gegrillte Meerschweinchen. Ich frage mich ohnehin, ob jemand, der ein Rinderfilet verputzt, das Recht hat, jemanden, der Hundefleisch verspeist, moralisch anzugehen. Gibt es Tiere erster und zweiter Klasse? Es sind Lebewesen. Und weder das eine noch das andere darf gequält werden. In China bewegt sich da einiges. Aus Tierschutzgründen ist sogar ein Verbot von Hundefleisch geplant.*² Bleibt die Frage, wo ich das Zerschreddern lebender Küken in Deutschland einsortieren darf? Tierfreundlich?

Auf den Hund gekommen

Quellen:
*1 – Françoise Hauser: Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über China. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart, 2011, S. 10
*2 – german.China.org: Mehrzahl der Chinesen fordert Ende des Hundefleisch-Festivals von Yulin

2 thoughts on “Mythos: Hunde gehören zum chinesischen Speiseplan”

  1. In einigen Kantonen der Schweiz, sowie auch in Süddeutschland war der Verzehr von Hund bis vor nicht allzu langer Zei t auch üblich.
    Das Problem was die meisten Deutschen mit China haben ist das Unwissen über die Größe des Landes, und dass China trotz Kommunismus ein Vielvölkerstaat mit unterschiedlichen Kochtraditionen ist.
    Das wird allerdings auch verstärkt durch die Uniformität der hier betriebenden Chinarestaurats.
    Der Koch im fremden Land passt seine Küche eben immer dem Geschmack seiner Kundschaft an.

    1. Danke für deine Ergänzungen. Ich hatte auch irgendwo gelesen, dass das Schlachtverbot für Hunde und Katzen erst seit Mitte der 80iger Jahre (1986?) für Deutschland gilt. Tja.

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