Mahjongg – exzessive Spielerei aus der Sicht dreier Berliner Chinesen | Update

Wenn im Haus meiner Großeltern „einer gerührt“ werden sollte, dann schritt die Familie zu einer Doppelkopf-Runde. Wobei es bei „einer“ um die großzügige Auslegung eines exzessiven und zur Steigerung der allgemeinen Aufregung mit eigenen Regeln ausgestattetes Kartenspiel für vier Personen geht. Kartenspiel, auch beim Mahjongg (麻将, Má jiàng) soll es sich ursprünglich um ein solches gehandelt haben, sagen meine Spiel-Experten. Irgendwann waren die Karten verschwunden. Zu ruhig für die chinesische Mentalität, vermute ich. Und wer auch immer auf die Idee mit den klackernden Klötzchen kam, mit dem gesteigerten Lärmfaktor hat sich das wohl erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandene Mahjongg bei den re-nao-verliebten Chinesen als Königsdisziplin im Glücksspiel etabliert.

Die Faszination

Glücksspiel. Ab 1949 war Mahjongg, wie alle Gewinnspiele, für dreieinhalb Jahrzehnte verboten, denn der Glücksfaktor soll letztlich ganze Familien um Haus und Hof gebracht haben. Heute spielen sie wieder. In Berlin sowieso. Und sind immer noch fasziniert.

Danke Lin, Zhuo-Kai und Angela. Ich geb’s weiter, im Original: 🙂

In Ningbo erfunden: Mahjongg-Spieler auf dem Gelände der ältesten Bibliothek Chinas

„Der Reiz von Mahjongg liegt zum einen in der monetären Gewinnaussicht, zum anderen und vor allem jedoch im Unterhaltungswert des Spiels. Das Spiel ist nicht 100%ig ein Strategiespiel, sondern die Gewinnchancen setzen sich zu 70% aus Glück und zu 30% aus Strategie zusammen. Somit ist es nicht unüblich, dass Spieler unterschiedlicher Erfahrungsgrade miteinander spielen, ohne dass der Anfänger schnell keine Lust mehr hat, weil er immer verliert und der Experte sich unterfordert fühlt, weil er immer gewinnt. Beim Spielen ist die Konzentration zwar zu Zeiten hoch, jedoch dienen diese Spieleabende vor allem auch zum gemütlichen Zusammensitzen und Quatschen. Es ist daher von der Art der zu vergleichen mit einem gemeinsamen Essen und ein sehr geselliges Spiel.

Zudem sagt man in China, dass man den wahren Charakter des Menschen beim Mahjonggspielen erkennen kann. Beispielsweise zeigt sich, wie risikofreudig oder risikoscheu ein Mensch ist oder wie sich die Höhen und Tiefen des Spiels (vergleichbar mit den Höhen und Tiefen im Leben) auf die Laune des Menschen auswirkt. Hieraus lässt sich daher auch ableiten, inwiefern dieser Mensch ein guter Geschäftspartner wäre. Das Spiel lässt manchmal die Grenze zwischen privaten und geschäftlichen Beziehungen verschwimmen und man kann Spielern strategisch gewollt – aber natürlich unauffällig – den Sieg überlassen, um die (Geschäfts-)Beziehung aufzulockern und zu verbessern.“

Und es gibt Ergänzungen aus der chinesischen Runde, die ich keinesfalls unerwähnt lasse: Mahjongg trainiert wunderbar das Gehirn und beugt Alzheimer vor, ist so eine Erkenntnis. Und auch über die marginalen Schwächen soll ich bitte berichten. Erstens, man sitzt zu viel. Und zweitens, bei kleinherzigen Leuten bzw. jenen, die monetäre Spiele nicht gewohnt sind, können sich schnell die Freundschaften verschlechtern.

Erfunden sollen das Spiel im 19. Jh. die Ningboer haben. Auf dem Gelände der ältesten Bibliothek des Landes dreht sich denn auch verdächtig viel um Regeln, die verschiedenen Steine, … die Ausstellungsfläche im Ahnentempel breitet sich auf 1.000 qm aus.

Das Spiel

Damit ist nun alles gesagt. Vorerst. Das Spiel kann beginnen, so man drei Gleichgesinnte trifft und – die Regeln kennt. Ein Mah-Jongg-Spiel besteht aus 136 oder 144 Spielsteinen, die Ziegel genannt werden; darunter 108 Ziegel der drei Grundfarben (Farbziegel) …  » alle Steine & Spielregeln

 

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1. Grundfarbe: Mahjong-bamboo-suit“; Bambus (索子 suǒzi)

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2. Grundfarbe: Mahjong-char-suit“; Zahl (萬子 wànzi)

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3. Grundfarbe: Mahjong-circle-suit“; Kreis oder Münze (筒子 tǒngzi)

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Mahjongg in China, Lanzhou, von Sigismund von DobschützEigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Das Mahjong – eine Bar in Lissabon. Die seit den 80iger Jahren einreisenden Chinesen kommen vor allem aus Zhejiang, einige auch aus Macau, der ehemaligen portugiesischen Kolonie in China.

Torte mit zwei mehr oder weniger deutlichen Wünschen per Mahjongg-Steinen: viel Geld (Mao-Hunderter oben, die drei hellgrünen Steine), Cleverness (Stein mit Elster) und der Beschenkte möge im Mittelpunkt des Geschehens stehen (Art der gelegten Mahjong-Steine), Foto: Ella 06/2018

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