Cheng yu: Pferd-Pferd, Tiger-Tiger (für Franzi)

Vor ein paar Tagen waren wir mit Freunden u.a. in Köthen, in der Erlebniswelt Deutsche Sprache und u.a. überlegten die Kuratoren der Ausstellung und später dann wir, wann eins zu eins aus einer Fremdsprache ins Deutsche übersetzt werden sollte und wann eher sinngemäß. Das für mich verblüffendste Beispiel aus dem Chinesischen kommt schon in Lektion 1 oder 2 im Unterricht daher:

◾️ 你好。你好吗?
◽️ 我很好。 谢谢。 你呢?
◾️ 马马虎虎。
◾️ Hallo. Wie geht’s dir?
◽️ Danke, sehr gut. Und dir?
◾️ Geht so。

Eine unaufgeregte Plauderei zum persönlichen Befinden könnte man meinen. Doch was würdet ihr sagen, wenn ich auf die Frage ‚Wie geht’s dir?‘ mit ‚Pferd-Pferd, Tiger-Tiger‘ (马马虎虎, mǎ mǎ hū hū) antworten würde? Verwirrt dreinschauen, die Augen verrollen, Lachanfall? Komische Sache, denn das ist die originale Übersetzung der Antwort. Wie kommt man darauf? Eingeweihte wissen: es handelt sich um ein Cheng yu.

Die Geschichte vom lustlosen Maler

Während der Song-Dynastie gab es einen, nun ja, etwas lustlosen Maler. Eines Tages zeichnete er gerade einen Tigerkopf, als ein Mann zu ihm kam und ihn bat, das Bild eines Pferdes zu zeichnen. Unser Maler, unwillig ein neues Bild zu beginnen, fügte einen Pferdekörper unter den Tigerkopf. Der Kunde kam zurück, fand das alles sehr seltsam und ging, ohne das Bild zu erwerben. So hängte der Künstler sein Tiger-Pferd-Werk im Wohnzimmer seiner Familie auf.

Als das Bild da so hing, fragte der älteste Sohn: „Papa, was ist das?“ „Ein Tiger, natürlich.“ Später kam der jüngste Sohn ins Zimmer und stellte die gleiche Frage: „Papa, was ist das?“ „Ein Pferd“ … Einige Tage später ging der älteste Sohn auf die Jagd. Im Glauben, einen Tiger vor sich zu haben, erschoss er das Pferd eines Nachbarn. Es kostete viel Ärger und noch mehr Geld, den aufgebrachten Nachbarn wieder zu beruhigen. Am gleichen Tag ging der jüngste Sohn im Wald spazieren und sah einen Tiger. Im Glauben, es sei ein Pferd, wollte er aufsteigen und davonreiten. Doch der Tiger tötete den Jungen. Am Boden zerstört riss der Vater das verhängnisvolle Bild von der Wand und verbrannte es. Von da an hieß er „Herr Pferdetiger“ (马虎先生 Mă hū Xiān sheng).

成语 – Cheng yu

… ist eine (meist) in vier Schriftzeichen verdichtete chinesische Lebenserfahrung. Manche Sprichwörter erklären sich von selbst. Leider sind diese in der Minderzahl. Oder was soll man davon halten, wenn einem das chinesische Gegenüber mit „Tigerkopf, Schlangenschwanz“ oder „Kochtöpfe zerschlagen, Boote versenken“ verwirrt? Der Sinn verbirgt sich meist in einer Geschichte, die wiederum, weil ein Ausweis der Bildung, oft nur die Eingeweihten kennen. Also auch Herr P.. Und während unser Jugendlicher zu Hause mit den Augen rollt und „Nö“ ruft, wenn sein Vater zum Cheng yu ausholt, sammle ich hier die Weisheiten. Man kann ja nie wissen. 😉

Quellen:
Chengyu Stories: Why does 马马虎虎 (mǎmǎhūhū) mean “so-so” in Mandarin?
Grafik: Montage aus CC0-Lizenzen

https://panda.kulturarche.de/?p=31036

2 thoughts on “Cheng yu: Pferd-Pferd, Tiger-Tiger (für Franzi)”

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