Chinesische Drachen

„Drachen besuchten mich früh. Vom Hals der Verwandten baumelten sie als Anhänger, Stickereien mit Drachenmotiv waren ein beliebtes Mitbringsel, … . Als ich fast alt genug war, zeigte mir mein Großvater einen Bildband. Die fernöstlichen Drachen fand ich am besten. Die sahen grausam, aber auch bunt und lustig aus. Die slawischen Drachen sahen nur grausam aus. Auch die, die angeblich nett waren und kein Interesse an Verheerung oder Jungfrauenentführung hatten. Drei Köpfe, krasse Zähne, so was.“

Saša Stanišić: Herkunft. Luchterhand Literaturverlag vom 18. März 2019, S. 8

Erfahrene China-Reisende wissen, sie lauern überall: getarnt als Bergrücken und auf Dächern, an Eingängen und auf Tassen. Mit weit aufgerissenen Augen blecken sie ihre Zähne und fahren die Krallen aus. Doch das ganze martialische Gehabe ist nur Show. Drachen sind in China die Könige der Tiere, sie werden verehrt, ihnen wohnt etwas Göttliches inne. Anders als bei uns gelten sie im Reich der Mitte als Glücksbringer. Sie stehen für Güte und Intelligenz. Kein Ritter muss das Fabelwesen erlegen, um alsbald als legendärer Drachen-Töter in die Sagenwelt einzugehen.

Gib mir fünf!Kleine Drachenkunde

🐲🗓️ Das nächste Jahr des Drachens wird im Jahr 2024 sein.

Drachen als Gottheiten – dieser Glaube beginnt mit einer Sage, wonach die Chinesen von einem Drachen abstammen. 1644, mit der Machtübernahme der Qing-Dynastie, hielt das Drachensymbol Einzug in die Paläste des Kaisers. Sein Gesicht wurde das Drachen-Antlitz genannt und er regierte auf dem Drachenthron. Die Menschen glaubten, ihr Kaiser könne die Gestalt eines Drachen annehmen, genauso, wie sich die Kaiserin in einen Phönix verwandeln konnte. Der Drache galt als Symbol der Macht. Gelb waren die Drachen der Majestät und nur für sie galt: Gib mir fünf! Alle anderen Drachen mussten sich mit vier oder gar drei Zehen begnügen.

Der chinesische Drache (龍; lóng) sieht auf dem ersten Blick dem europäischen ähnlich, jedoch ist er ein Wesen aus neun Tieren, sodass er deren Eigenschaften erlangt: der Drachenkörper gleicht einer Schlange und die Schuppen dem eines Fischs. Der Kopf ähnelt dem Wasserbüffel, auf dem wiederum ein Hirschgeweih thront. Für die Tatzen stand der Tiger Pate, für die oben erwähnten Klauen der Adler. Auch andere Darstellungen sind möglich. Die chinesische Mythologie kennt verschiedene Arten. Tian Lung ist der himmlische Drache, der Beschützer der Götter und Kaiser. Sein Vetter Shen Lung herrscht als der geistliche Drache über Wind und Regen, Ti Lung als irdischer Drache hingegen über das Meer, die Flüsse und Seen. Und über die unterirdischen Schätze wacht Fucan Lung.

Wohin man schaut – Drachen. Sie leben vor allem in Gewässern, doch eigentlich findet man sie überall:

Fotos:
1. Schlummernd als Berg – der „Drachenrücken“ bei Longsheng,
2./3. Baust du einen Tempel, dann setze zum Schutz des Bauwerks auch einen Drachen aufs Dach: Prozession auf dem First.
4. Weit aufgerissene Augen, Hörner, Krallen – Drache auf dem Dach der Roten Pagode am Yangtse.
5. Gibt’s wirklich, chinesische Drachen 🙂 – Chinese Water Dragon.
6. Der steinerne Drache, die große chinesische Mauer – das Synonym für ein ganzes Land.

Quellen:
Scott Forbes: China. Der cool-verrückte Reiseführer, Verlag: National Geographic (26. Februar 2013), S. 6 und 7
xuexizhongwen: Asiatische Drachen – Beschreibung und Bedeutung | abgerufen am 17.11.2019

Startfoto: Ronny Wunderlich, Berlin

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