Bei Urümqi: Brandenburger heiraten in chinesische Familie ein

Zwei Brandenburger radeln zur Hochzeit ihres Sohnes: Los geht’s in Xiahe, in der Provinz Gansu. Wobei – geradelt wird in die Gegenrichtung, erst später nehmen sie von Chengdu aus das Flugzeug nach Karamay bei Ürümqi im Nordwesten Chinas. Aus einer Frage beim Pan-da wird ein Abenteuer – und wir dürfen daran teilhaben. Danke Ella. 

Location of Karamay Prefecture within Xinjiang (China).png

Von CroquantEigenes Werk, CC BY 3.0, Link

Ella schreibt:

Jetzt noch ein kurzer Bericht von unserem Aufenthalt in Dushanzi* und der gestern stattgefundenen Hochzeit. Am 19. Juni sind wir planmässig in Ürümqi gelandet, wurden von unserem Sohn und unserer Schwiegertochter abgeholt und fuhren ca. 3 Stunden mit dem Auto bis ins Hotel. Dort erwarteten uns schon die Eltern unserer Schwiegertochter. Nach einer kurzen Dusche, fuhr man uns ohne Umschweife in den Massagesalon der Mutter und walkte uns tüchtig durch. Wir wurden sogar geschröpft und haben noch immer die typischen Markierungen auf Rücken Schultern und Oberarmen. Später fuhr man uns zum Essen, bei welchem wir dem Familienoberhaupt, der Grossmutter väterlicherseits und vielen weiteren Familienmitgliedern, sowie Freunden der Familie vorgestellt wurden. Es wurde ein feucht fröhlicher Abend mit sehr leckerem Hot pot, viel Gelächter und einer Menge Trinksprüchen! Wir erfuhren Herzlichkeit, Warmherzigkeit, Fröhlichkeit. Man war so aufmerksam um uns bemüht, dass wir ganz sicher waren, dass es selbst der Kaiser im alten China nie besser hatte. Wollte ich irgendwohin gehen, wurde ich stets von der Mutter begleitet, die mich immer an die Hand nahm und führte! Wir verstehen uns meistens ganz ohne Worte. Klappt es nicht, so gibt es, wie für alles in China, eine App. Man spricht ins Telefon, drückt eine Taste und zack ist die Übersetzung da. DIes funktioniert für einfache Sätze ganz gut und manchmal ist die Übersetzung auch so schräg, dass sie keinen Sinn ergibt. Aber wir wursteln uns immer durch. In den nächsten beiden Tagen, bis zur Ankunft der weiteren Gäste aus Deutschland, zeigte man uns die umliegenden Berge und die Stadt. Wir lernten weitere Familienmitglieder und das Appartement der Eltern kennen. Diese wohnen zur Zeit bei der Grossmutter und haben ihre Wohnung unserem Sohn, ihrer Tochter und dem Trauzeugen unseres Sohnes, seinem besten Freund aus Kindertagen, zur Verfügung gestellt. Man war sehr aufmerksam um uns bemüht, fuhr uns umher und lud uns stets zu allem ein. Es gibt keine Chance für uns, uns an irgendeinem Posten zu beteiligen. Stets ist schon alles beglichen und man freut sich über unser fruchtloses Bemühen. Am 21. kamen unsere Gäste aus Deutschland in Ürümqi an und wurden ganz selbstverständlich vom Onkel und unserer Schwiegertochter dort abgeholt. Das dauerte etwas länger, weil ein Koffer verlustig gegangen war und eine Meldung aufgenommen werden musste. Aber am Abend waren alle da und es gab ein ganz wundervolles Abendessen, von einem Onkel spendiert, mit Pekingente, vielen anderen leckeren Gerichten, fröhlichen bekannten und uns unbekannten Gästen und einer Menge guter Trinksprüche. Der spätere Fahrer (und nur der!) darf dabei ganz selbstverständlich mit Tee anstossen. Aber wir haben uns alle gut gehalten und waren gegen 2.00 Uhr im Bett.

Am nächsten Morgen fuhren der grösste Teil zum auslüften zu einem Canyon und ich begab mich mit dem kofferlosen Gast und meiner Tochter ins örtliche Einkaufszentrum. Das war für uns ein unvergesslicher Einkaufsbummel. Nachdem man uns als Ausländer identifiziert hatte, stellte man unverzüglich eine etwas Englisch sprechende Managerin ab, die uns durch sämtliche Geschäfte begleitete und sehr bemüht war, unseren Wünschen zuvor zu kommen. Wir waren die Attraktion in der Mall, wurden hunderte Male mit wechselnden Angestellten fotografiert, mit Tee gefüttert und kamen nebenbei auch zum Einkauf. Am Ende erhielten wir die Nachricht, dass sich der Koffer auf dem Weg nach Dushanzi befände. Ein grosser Teil des Korbes wurde also wieder ausgeladen, alle freuten sich mit uns und wir wurden herzlich und mit vielen Fotos verabschiedet. Abends gab es wieder eine fröhliche Zusammenkunft mit einem Grossteil der Familie und ein herrliches Abendessen. Aber zuvor wurde uns der Hochzeitsveranstalter vorgestellt und die Hochzeit geprobt!

Die Hochzeit

Morgens dann ging es los. Um 9.00 Uhr wurden erste Fotos bei uns im Hotel geschossen. Um 10.28 Uhr (Glückszahl!), waren wir in verschiedene Autos verteilt und es ging los zu einer Fahrt durch die Stadt. Unser Sohn samt Trauzeuge mussten ihr Auto um einen grossen Kreisverkehr schieben und wurden dabei gefilmt und angetrieben. Vor dem Hotel der Braut gab es ein kurzes Feuerwerk, dann rief mein Sohn auf Chinesisch, dass er jetzt käme die Braut zu holen und dann fuhren alle zum Appartement der Braut in den 9. Stock. Dort waren die Braut, ihre Eltern, Freunde und die Brautjungfern versammelt, um den „Raub“ der Braut zu verhindern. Die Tür wurde erst nach vielen lustigen Wortgefechten und Bestechungen in Form von mit Geld gefüllten roten Umschlägen, den sogenannten Hongbaos, geöffnet. Im mit Luftballons und Girlanden geschmückten und mit Gästen und Fotografen vollem Zimmer suchte mein Sohn nun seine Braut, die er im Kleiderschrank sitzend vorfand und unter dem Jubel der Anwesenden zum Bett trug. Dort machte er ihr in aller Form einen Heiratsantrag und wurde erhört. Leider fehlten die Schuhe der Braut und ohne diese, könne die Hochzeit unmöglich stattfinden. Also gingen mein Sohn und seine Trauzeugen auf die Suche und wurden fündig. Er zog also seiner Frau die Schuhe an und trug sie sodann bis zum wartenden Auto. Gnädigerweise wurde ihm gestattet den Bummellift zu benutzen und seine Frau ist ein Leichtgewicht, aber ihm wurden doch die Arme etwas lang!

Nun ging es abermals mit dem Auto durch die Stadt, um im Park Fotos vom Brautpaar aufzunehmen. Zurück im Hotel, hatten sich bereits erste Gäste eingefunden. Einigen wurden wir vorgestellt. Das Brautpaar mit einem Trauzeugen und einer Brautjungfer stand vor dem Saal und wurde mit den unterschiedlichsten Gästen immer wieder fotografiert. Das war eine ziemlich langwierige Angelegenheit. Die Gäste gaben vor dem Saal, in welchem die Feier stattfinden sollte, ihre Umschläge mit Geld ab und wurden mit Namen und abgelieferter Summe in ein Gästebuch eingetragen. Irgendwann dann wurde die Braut mit viel Getöse und Tamtam in einer Sänftevor den Saal transportiert und, das Gesicht mit einem Tuch verdeckt, von den Trauzeugen und Brautjungfern begleitet, in den Saal geführt. Dort hatten bereits alle Gäste an den runden Tischen ihren Platz gefunden. Über den Laufsteg ging es zur Bühne. Es gab einen Moderator, der jeden Schritt begleitete, den Bräutigam befragte und die Zeremonie überwachte. Die Eltern von Braut und Bräutigam wurden auf die Bühne gebeten und allen Gästen vorgestellt. Die Kinder verbeugten sich dreimal vor den Eltern, die Mutter der Braut übergab einen Honbao (Mit Geld gefüllter roter Umschlag) an meinen Sohn und mein Mann einen weiteren an unsere Schwiegertochter. Dann wandte sich die Brautmutter an die Gäste und sprach ein paar Worte. Etwas später tat das auch mein Mann. Seine Rede wurde vom Moderator übersetzt. Ich musste einige chinesische Worte sagen, z. B., dass ich die Braut mögen würde und sie fragen, wieviele Kinder sie denn haben möchte und gleichzeitig meinen eigenen Wunsch äussern. Dann durften alle Eltern die Bühne verlassen und nach einer weiteren Zeremonie mit dem Moderator und dem Brautpaar durfte mein Sohn seine Frau auf dem Rücken aus dem Saal tragen. Es war ein irres Spektakel!

Dann begann das Essen. Es wurde aufgetragen und gegessen und getrunken, Trinksprüche erklangen reihum, andere Gäste kamen an unseren Tisch um mit uns anzustossen und zu gratulieren. Das junge Ehepaar kam umgezogen in den Saal zurück, ging von Tisch zu Tisch und stiess mit den Gästen an. Da muss man schon seeehr trinkfest sein, schliesslich war der Saal voller Leute. Der Moderator sang noch ein paar Lieder zur Unterhaltung, weitere Trinksprüche und Glückwünsche folgten und dann, ganz allmählich löste sich die Runde auf. Die Gäste gingen nach Hause, nur die Familie versammelte sich an einem grossen Tisch und unterhielt sich. Es herrschte eine ganz fröhliche, entspannte Stimmung. Der offizielle Teil war vorbei, man war wieder unter sich und ließ das frisch getraute Ehepaar immer wieder hochleben. Wir waren zu Gast bei einer traditionellen chinesischen Hochzeit, dass heisst, Braut und Bräutigam hatten traditionelle Kleidung an, in den Farben Rot und Gold. Die Braut hatte eine komplizierte Haarfrisur mit vielen goldenen Haarspangen und Haarnadeln und sah in ihrem bodenlangen Kleid ausnehmend hübsch und apart aus. Mein Sohn trug das farblich passende lange Obergewand, fühlte dich anfangs etwas fremd in seiner Kleidung, gewann aber zunehmend an Sicherheit. Auch der Freund meines Sohnes war als Trauzeuge in ein langes Gewand gesteckt worden und unsere Tochter als eine der Brautjungfern ebenfalls. Die Hochzeit wurde von früh an gefilmt. Teile des Videos wurden bereits im Saal den Gästen auf riesigen Leinwänden vorgespielt. Für uns war die chinesische Hochzeit unseres Sohnes ein ganz unvergessliches Erlebnis. Wir sind von der warmherzigen Gastfreundschaft, dem unablässigen Bemühen der gesamten Familie um unser Wohlergehen ganz überwältigt und haben alle neuen Eindrücke noch gar nicht verarbeiten können.

Ich könnte noch so vieles berichten, auch von der Gegend in welcher wir uns hier befinden. Die Stadt ist umgeben von Polizeikontrollen. Wir müssen ständig den Pass mit uns führen und werden sogar beim betreten eines Basars, oder Einkaufzentrums kontrolliert. Selbst im Hotel sitzen Wachleute und wir müssen erst eine Schleuse passieren und unser Gepäck und wir selbst werden ständig durchsucht. Die Familie wollte mit uns ins Gebirge fahren, um uns die schneebedeckten Berge zu zeigen, aber nach 2 Stunden war der Ausflug schon vorbei. Für Deutsche sei das Gebirge gesperrt, nur Chinesen sei der Zutritt erlaubt. Das tat mir sehr leid. Nicht so sehr wegen uns, sondern wegen der Familie, die nun versuchte, sich für etwas zu entschuldigen, wofür sie selbst gar nichts konnte. Es war den Leuten äusserst unangenehm und das Übersetzungsprogramm auf den Handys glühte. Man teilte uns mit, es läge keinesfalls an den Menschen, sondern ausschliesslich an der Administration und man wäre von dieser Massnahme nun selbst überrascht. Wir wären auf jeden Fall herzlichst willkommen und sollten nichts Schlechtes von China denken oder betrübt sein. Und unverzüglich wurde der Notfallplan geschmiedet. …“

 

—————————–

* Dushanzi oder Maytagh – ist einer der vier Stadtbezirke der bezirksfreien Stadt Karamay im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang
* Foto: Genre-Foto, Yùnzhi, Foto-Crew zieht mit einem traditionell gekleideten Brautpaar durch einen Park in Ningbo.

1 thought on “Bei Urümqi: Brandenburger heiraten in chinesische Familie ein”

  1. Liebe Ella,
    was für aufregende Wochen und was für eine warmherzige Familie, in die dein Sohn und damit ja irgendwie auch du und dein Mann, eingeheiratet habt. Ich freue mich sehr für euch.
    Euch noch eine gute Zeit in China, danke, dass du hier deine Erlebnisse mit uns geteilt hast,
    herzlichst Catrin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.