Qing Ming – wir feiern mit den Toten

9 Uhr. Ein Cousin fährt vor unserem Hotel vor. Seit wir in Ningbo angekommen sind, befinden wir uns in der fürsorglichen Umarmung unserer 50 Verwandten. Wir tauchen in ihren Alltag ein. Und weil in China das Qingming-Fest ansteht, das Totenfest, und schleunigst die Familiengräber geputzt werden müssen, fahren wir genau dort hin. Zum Friedhof, der weit außerhalb der Stadt liegt.

Der lange Weg zum Friedhof

Auf dem Weg zu den Gräbern

Auf dem Weg zu den Gräbern

Der Cousin wirkt fahrig, und das keineswegs, weil aus dem MP3-Player seiner Frau unentwegt buddhistische Mönchsgesänge tönen, sondern weil die Gräber erst einmal gefunden werden wollen. Ningbo hat sich innerhalb eines Jahres derart verändert, dass ein weiterer Cousin befürchtet, die Ausfahrt aus der Stadt zu verpassen. Unseren Fahrer wiederum irritieren die vielen Gräberfelder. Nun wollen beide jeweils jene Strecke als Leit-Fahrzeug übernehmen, mit der sie sich auskennen. Doch das Projekt geht schief. Die Männer verpassen sich.

Unser Chauffeur beäugt die Karten seines Smartphones, fragt Dorfbewohner nach dem Weg, telefoniert. Irgendwann ist es geschafft und wir eilen zu unseren wartenden 20 Verwandten, die schon zugange sind. Ein jüngerer Onkel von Herrn P. überpinselt mit leuchtendem Rot verblasste Schriftzeichen am Grabstein seiner Eltern. Andere bleiben schwarz. Warum? Wir drei halten wenig später je drei Räucherstäbchen in den gefalteten Händen, verbeugen uns drei Mal vor dem Grab und wünschen den Toten eine gute Zeit, dort, wo sie jetzt sind. Eine Tante packt Tüten mit Äpfeln und Bananen auf das steinerne Tischchen vor dem Grabstein, eine andere legt grüne Reiskuchen dazu. Die nächste Verwandte stapelt hinter dem Grabstein ein Dutzend gelbe Tüten mit Papiergeld aufeinander und die buddhistische Cousine fällt betend auf die Knie. Weiter geht’s, zum Grab eines älteren Bruders. Und auch dort: Räucherstäbchen, Verbeugen, Früchte auf den Tisch, … . Plötzlich qualmt’s. Und das ordentlich. Damit sich die Ahnen auch im Jenseits etwas leisten können, verbrennt die Familie das Papiergeld.

Friedhof_Opfergaben01

Die Opfergaben werden entweder sofort auf dem Friedhof verputzt oder, wie hier im Restaurant, später verteilt.

Hungrige Geister und viele Fragen

Das Totenfest in China ist aber keineswegs nur ein Tag des Besinnens und der Trauer. Schon auf dem Friedhof verputzen wir die ersten Opfergaben. Dreieckige Stücke eines Kuchens aus einer Plastikschachtel. Es schmeckt. Es wird gelacht. Ein anderer Cousin bringt uns zu einem Restaurant, in dem wir gemeinsam essen und wo ich das erste Mal bemerke, dass die Chinesen den Rotwein für sich entdeckt haben, mehrere Flaschen aus Frankreich kreisen auf der Tischplatte.

Friedhof_Essen

Das Totenfest in China ist aber keineswegs nur ein Tag des Besinnens und der Trauer. Es wird auch ordentlich gegessen.

Für diesen Tag unternehmen die Verwandten nichts mehr miteinander. Zu gewagt, nach einem Tag am Grab. Es bringt Unglück. Wer will das schon? Ein Cousin verschiebt sogar seinen Umzug in eine neue Wohnung auf die Zeit nach dem Totenfest. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Vorerst versuche ich, Antworten auf meine Fragen rund um die Zeremonie zu finden. Zwei chinesische Familien helfen, am besten lasse ich sie selbst zu Wort kommen:

 

Wieso zündet jeder drei Stäbchen an und verbeugt sich drei Mal?
„Das geht auf die drei Schätze im Buddhismus zurück. Zuerst soll man sich von allen schlechten Gewohnheiten abgrenzen. Ziel ist es, ein reines Herz zu bekommen. Jetzt kann man zweitens entspannen und ruhig werden, um sich dann drittens geistreich zu fragen: Was ist der Sinn des Lebens?“

Einige Schriftzeichen auf den Grabsteinen sind rot, andere schwarz. Was bedeutet das?
„Auf dem Grabstein befinden sich neben den Namen der verstorbenen Eltern, drei weitere Reihen mit Schriftzeichen, zu lesen von oben nach unten. Reihe 1: die Namen der vier Söhne, Reihe 2: die Namen der drei Töchter, Reihe 3: die Namen der vier Enkelsöhne. Alle tragen den Familiennamen Li, auch die Töchter, weil sie ihre Familienamen in China auch nach der Hochzeit behalten. Der Li-Name bildet die Wurzel der Familie und leuchtet daher in Rot. Rot sind auch die Vornamen aller noch lebenden Kinder und Enkel. Stirbt jetzt beispielsweise die Mutter, steht das Zeichen für Li weiterhin in Rot auf dem Stein, während sich der Vorname in Schwarz wandelt. Denn der Rufname ist austauschbar.“

Ich finde, es geht hier recht fröhlich zu, so im Vergleich zum Totensonntag in Deutschland. … .
„Während die Räucherstäbchen abbrennen, essen die Toten. Das ist doch sehr schön. …“

Fotografieren am Grab – lieber nicht. Was passiert da?
„Beim Fotografieren nimmst du die negative kalte Energie mit deiner Kamera auf. Sie bleibt im Bild und damit bei dir. Das bringt Unglück.“  …  „Und nun?“  …   „Wenn du nicht dran glaubst, dann passiert dir auch nichts.“

 

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