Kultur und Lernerfolg

Dieser Tage bei chinesischen Freunden in Berlin: mitten im Party-Getümmel sind auch zwei chinesische Studenten Anfang 20. Beide junge Männer sind in Berlin geboren und aufgewachsen. Der eine studiert Mathematik in Oxford, der andere belegt den Studiengang Materialwissenschaft und Werkstofftechnik in Erlangen. Während in Oxford etwa 80 Prozent der Studienteilnehmer Einheimische sind, schätzt sein Kumpel, dass an der Technischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg der Anteil der angehenden deutschen Ingenieure maximal 25 Prozent beträgt.

Den Rückgang an Fachkräften beobachten Wissenschaftler und Wirtschaftsunternehmen seit etlichen Jahren. „Für das Manko der deutschen Bildungspolitik, den Mangel an Absolventen in naturwissenschaftlichen und technischen Studiengängen, könnte die gängige westliche Erziehungsmethodik mit ihrer Fokussierung auf die Förderung von Neigungen Teil der Erklärung sein“, heißt es schon 2011 in einem Artikel der Wirtschaftswoche. Der Autor zitiert Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft, wonach bereits vor vier Jahren „rund zehn Prozent weniger junge Menschen ein Ingenieurstudium an deutschen Unis abschlossen als 1995. Und auch die Höchstleistungen des Nachwuchses erzielen inzwischen fast ausschließlich asiatische Studenten.“

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Eltern und Großeltern warten vor einer Schule in Suzhou auf ihre Kinder

Ist Schulerfolg schichtabhängig?

Höchstleistungen. Wer lernt erfolgreich? Kürzlich beschäftigte sich die britische Presse mit der Frage, welchen Effekt Kultur auf den Lernerfolg hat. Science Files weist auf bemerkenswerte Beobachtungen in Australien und Großbritannien hin: Die Ergebnisse zeigen, dass die Bildungselite der Schüler aus China stammt. Noch interessanter als dieses Resultat ist, dass die guten Leistungen chinesischer Schüler sich zwischen Kindern aus armen und Kindern aus reichen Familien kaum unterscheiden. Irgendetwas stimmt nicht, wenn Deutschland seinen Nachwuchs kategorisiert und mit dem Begriff “bildungsferner Schichten“ hantiert. Die Frage ist, ob es kulturelle Determinanten gibt, die unabhängig vom Sozialstatus der Eltern wirken. Eine wichtige Rolle scheinen die Erwartungen der Erwachsenen an die Kinder und Jugendlichen zu sein und die Bereitschaft dieser, die an sie gerichteten Ansprüche zu erfüllen. … via Kritische Wissenschaft – critical science.

Das deckt sich mit den Erkenntnissen der Wirtschaftswoche, die u. a. feststellt: 1. Erfolgsfaktor in China und Quell steter Probleme in Europa ist vor allem die Dreiecksbeziehung Eltern-Kind-Lehrer. 2. Das Festhalten an den längst widerlegten Zielgrößen verweist auf das vielleicht größte Manko der deutschen Bildungspolitik, den Mangel an Lernbereitschaft. 3. In China werde doch bloß gepaukt, eigenes Denken nicht gefördert, dazu der knallharte Drill … . Der deutsche Direktor des OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) mit jeder Menge China-Erfahrung geht mit solchen Einwänden hart ins Gericht. Er spricht von längst überholten Klischees, meist von Leuten, die selbst nie in China waren. …

Unser westlicher Blick

Drill gehört zur chinesischen Erziehung und ist fester Bestandteil des Schulalltags. Hier ein klassischer Beitrag zum chinesischen Schulalltag; publiziert am 14.10.2013. Leider abgelaufen.

Und weil hier ein starker Bezug zu den Wanderarbeitern besteht, noch einmal ein Zitat der Wirtschaftswoche zum Platz 1 der Shanghaier Kinder bei der Pisa-Studie und dem Einwand, die Studie beziehe sich nur auf die Provinz Shanghai: „Mit ihrem hohen Anteil an Wanderarbeitern ist das eine der heterogensten Provinzen im ganzen Land.“ Erste Ergebnisse aus 15 weiteren Provinzen, die zurzeit von der OECD untersucht werden, bestätigen diesen Trend. „Selbst in der ärmsten Region ist die Lesekompetenz höher als im deutschen Durchschnitt.“

Wo die Reise hingeht

Die beiden jungen Chinesen vom Party-Getümmel profitieren von einem Elternhaus, das ihnen viel zugetraut hat. Mit Erfolg. Der Oxforder strebt eine Promotion an. So wie viele andere chinesische Kinder zu den Besten ihres Jahrgangs zählen. Drill und Auswendiglernerei? Nun, das hatten wir schon. Generell, sowohl in Berlin als auch in China, erlebe ich, dass chinesische Eltern ihre Kinder gern im Ausland studieren lassen. Keineswegs nur die Superreichen. Stephan Aust und Adrian Geiges*1 ahnen, wo die Reise hingeht: „… Und womöglich wird China von dieser Kombination eines Tages profitieren: Wissenschaftler und Querdenker mit internationalem Hintergrund, Ingenieure und Arbeiter mit Disziplin und gepauktem Grundwissen. Sicher ist: Die deutsche Spaßgesellschaft ist unterlegen.“ China scheint auf gutem Wege zu sein. „Heute melden chinesische Ingenieure global mehr Patente an als deutsche. Vor zehn Jahren übertrumpften die Deutschen China bei den Patentanmeldungen noch um das Sechsfache.“

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*1 Stephan Aust, Adrian Geiges: Mit Konfuzius zur Weltmacht: Das chinesische Jahrhundert; Bastei Lübbe (Quadriga); Auflage 2012, S. 85f  

2 Kommentare

  1. Ich habe einen ähnlichen Beitrag geschrieben und komme auf ein anderes Fazit. Obwohl die chinesischen Schüler im Pisa-Vergleich ganz oben mitmischen, hat China bis jetzt kaum Nobelpreisträger hervorgebracht und die wenigen die es dennoch geschafft haben, kamen in den Genuss des „westlichen Schulsystems“ und haben im Ausland studiert bzw. einen Teil Ihres Lebens dort verbracht.

    1. Hallo Lars,

      ich war unterwegs, deshalb erst jetzt:

      du hast recht, Nobelpreise haben die Chinesen bislang wenige. Wenn man daran den Entwicklungssprung eines ganzen Landes festmacht, ist der den Chinesen möglicherweise Banane.

      Ich habe einen chinesischen Freund, einen Architekten, einen internationalen Brückenbauer, der u.a. momentan solch ein Bauwerk in Berlin errichtet. Er gehört zu jener intellektuellen Elite der Chinesen, die, als sie es konnten, Mitte der 80iger Jahre China verlassen hat. Vor wenigen Jahren baten ihn seine Landsleute, beim Erlernen und Bauen von Brücken in China zu helfen. Damals war er in feste Projekte eingebunden, heute sagt er: Ich kann ihnen nichts mehr beibringen, ich kann von ihnen lernen. Sie wissen alles und sie haben inzwischen so viele praktische Erfahrungen, dass sie ihre Projekte auf den Tag genau planen und umsetzen können.

      Und auch das mit dem Nobelpreis könnte werden. Es gibt viele Wissenschaftler und Unternehmer, die prophezeien, dass es in China in den nächsten fünf Jahren mehr Innovationen geben wird als im Silicon Valley. In zentralen technologischen Zukunftsfeldern will China wenigstens weltweit mitmischen: Präzisionsmedizin (personalisierte Medizin), künstliche Intelligenz, Drohnen und Roboter, Fintech. Im letzteren sind sie uns schon jetzt weit voraus. Die Zeiten, dass China nur kopieren kann, sind offensichtlich vorbei. Auch wenn das manchem schwer fällt, China könnte Vorreiter von technologischen Entwicklungen werden. Und wer weiß, möglicherweise sind es in nicht allzu ferner Zeit wir Westler, die von China kopieren. 😉

      Danke für deine Gedanken & herzliche Grüße an dich und deine chinesische Familie,
      Catrin

      Noch ein PS zum Nobelpreis. Allein zum Procedere der Vergabe könnte man einen eigenen Gesprächspfad eröffnen. Ich zitiere:
      „Eine Erklärung für die auffallend große Anzahl der US-amerikanischen Preisträger wird unter anderem mit dem Argument geliefert, dass die Amerikaner die beste Lobbyarbeit betreiben. Schon lange vor der Nominierung einigen sich die größten Universitäten auf nur wenige Kandidaten, so dass die schwedischen Nobeljuroren immer wieder erstaunt sind, wenn sie mit dem Wunsch nach geeigneten Vorschlägen telefonisch die Ivy-League-Fakultäten befragen und regelmäßig dieselben Namen zu hören bekommen. Durch diese häufige Namensnennung kommt die Nobelversammlung kaum umhin, die genannten Kandidaten zu berücksichtigen.“ (Quelle: Big Science, große Lobby. In: Süddeutsche Zeitung. Nr. 256, 2008, S. 12.)

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