Bei Sommer-Hitze: Ingwer, Schirme, Bauch frei

Manometer! 39, 40 Grad ab Mittwoch. Während wir versuchen, irgendwie mit der Hitze klar zu kommen, erträgt meine Familie in China monatelang schwüle 35 bis 40 Grad. Wie macht die das? Das eine oder andere könnt ihr in China beobachten. Ich kann natürlich auch bei der Mama von Herrn P. nachfragen:

„Früher war es nicht ganz so heiß wie heute, aber über 36 Grad waren es auch oft. In den Häusern und Wohnungen gab es weder Fliesen noch Holz-Dielen, sondern glatt gestrichene Zement-Böden. Auf diese legten wir im Sommer gern Bambus- oder Strohmatten, denn das kühlt von unten. Da es auch keinen Kühlschrank gab, wurde das kalte Wasser aus einem Brunnen in einen Behälter befördert und darin dann die Wasser-Melone zum Kühlen aufbewahrt. Es kam weniger Reis und fettes Essen auf den Tisch, stattdessen ein dünn flüssiger lauwarmer Reisbrei oder eine Suppe aus der Mungbohne, Lu Dou (绿豆) heißt die. Es war aber eben auch einfach heiß.“

Frauen – Schirme raus, Männer – Bauch frei!

Heutzutage gibt’s Klimaanlagen. So überstehen meine Verwandten an der Ostküste Chinas Nächte um die 30 Grad (!), vor allem aber – sie bekommen auch die Feuchte aus der Wohnung. Viele Leute legen sich beim Bummeln, Moped-Fahren oder Mahjongg-Spielen nasse Handtücher über die Schultern oder Arme, ganz Verwegene auch auf den Kopf. Stichwort Verdunstungskälte. Wiederum andere wedeln mit ihren Fächern und in China ganz wichtig: der Schirm. Bei praller Sonne sieht man sie durch die Straßen wippen, allerdings eher bei Frauen, die nebenher sicherstellen, dass ihr Teint schön hell bleibt.

Und die Männer? Für die ab 40 gilt ein ganz besonderer Dresscode: 膀爷 – bǎng yé (sich zur Schau stellende Opas) oder kurz: Bauch frei! T-Shirt über den Bauch rollen und dem schwitzenden Bauch ein bisschen frische Luft gönnen. Was will man auch machen bei diesen Temperaturen 😉 … Dazu rhythmisch auf die Wampe trommeln und gern auch die Hosenbeine hoch krempeln. Peinlich, peinlich, findet das die jüngere Generation und auch dem Staat passt dieses rustikale Auftreten nicht so ganz ins Konzept des modernen China. Seit 2002, besonders aber im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008, versucht die Regierung mit diversen Kampagnen die Männer davon abzuhalten, ihre Bäuche in der Öffentlichkeit bloß zu stellen. Bisher vergebens. 🙂

Cool essen & trinken

Chinesische Medizin 

Die Chinesischen Medizin und Ernährungslehre unterteilt Nahrungsmittel in heiß, warm, neutral, kühl und kalt, je nachdem, wie sie auf den Körper wirken. Das Wissen darum zählt bis heute zum Alltagswissen der Chinesen. Genießen und Heilen müssen kein Widerspruch sein, gezieltes Vorbeugen von Krankheiten ist möglich. Bestimmte Jahreszeiten und Krankheitszustände werden durch ein Zuviel an Hitze und Kälte charakterisiert  und auch gegen übermäßige Sommerhitze gibt es selbstverständlich einige Regeln:

Kühle Nahrungsmittel

Sie unterstützen das Bilden von Körpersäften und Blut und befeuchten Schleimhäute und Gewebe. Zu ihnen zählen die meisten Gemüsesorten und Salate, einheimische Früchte, Mandarinen, Sojasprossen, Tofu, Weizen, Ente, Pute, … . Getränke: Kräutertees, außer Fenchel, der heiß ist. …

Kalte Nahrungsmittel

Sie treiben vor allem im Sommer oder bei bestimmten Krankheiten die innere Hitze aus, sollten aber nicht im Übermaß genossen werden. Zu ihnen zählen: Bananen, Orangen, Zitronen, Kiwis, Papaya, Avocado, Spargel, Kürbis, Joghurt, Wild, Meeresalgen. Zum besten Gemüse zählen neben Tomaten und Wasser-Melonen auch Gurken, weil sie reichlich Wasser und Kalium enthalten. … Getränke: grüner Tee, Mineralwasser, Bier …

Familien-Rezept: Erfrischende Gurke mit Sesamöl und Knobi (Lignane des Öls hilft bei Hitze)

Chinesische Spezialitäten

Ein traditionelles Getränk gegen Sommerhitze in China heißt 酸梅汤 (Sūan Méi Tāng), auf Deutsch: sauere Dörrpflaumen-Suppe. Die Zutaten bestehen hauptsächlich aus Dörrpflaumen, Weißdorn, süßen Duftblüten und Kandiszucker.

Die Hiobsträne, auch Chinesische Perlgerste genannt, soll wegen wegen ihres hohen Gehalts an Vitamin B1 und Aminosäuren gegen Überhitzen des Körpers wirksam ist. Übrigens: Das Mehl enthält kein Gluten.

Fisch ist hervorragend, vor allem Karpfen: Der Frühsommer ist die Zeit, in der die Karpfen ablaichen. Deswegen enthält er in dieser Zeit mehr Nährstoffe, wie zum Beispiel hochqualitatives Protein, Mineralstoffe und Vitamine. (Rezept, siehe unten; in Kombination mit Ingwer)

Gewürze

Chili und Ingwer zählen zu den so genannten heißen Nahrungsmitteln. Und dennoch werden sie aufgezählt, wenn es darum geht, der Sommerhitze beizukommen.

Chili

Richtig ernähren bei Hitze heißt: Viel trinken und – scharf essen. Im heißen Süden Chinas sind die Speisen oft besonders scharf gewürzt, denn Scharfes hilft beim Schwitzen (Stichwort Verdunstungskälte), und außerdem haben viele scharfe Früchte Inhaltsstoffe, die das Bakterienwachstum hemmen.

Ingwer

Im Sommer essen Chinesen gern „kalte“ Gemüsesorten: Gurken, Sellerie, Rettich, … und würzen diese u. a. mit Ingwer. Die Scharfstoffe bringen den ermatteten Kreislauf in Schwung und lassen das Blut im Körper zirkulieren, der Stoffwechsel wird aktiviert.

Der Alleskönner setzt zudem die Produktion von Verdauungssäften in Gang, was wiederum Magen und Darm im Sommer die Arbeit erleichtert. Und – er wärmt leicht von innen, deshalb kann man Hitze von außen leichter aushalten. Wegen dieser Wirkung ist Ingwer in heißen Ländern auch als Zusatz in Kaffee oder Tee beliebt und Bestandteil vieler Gerichte. Schmerzen nach einem langen Sommertag Arme und Beine, dann hilft auch hier die Wunderknolle.

Familien-Rezept: Dorade mit Ingwer

Quellen:
Susanne Hornfeck, Nelly Ma: Die acht Schätze der chinesischen Heilküche, Verlag: DTV, 2004, S. 14 ff.
Françoise Hauser und Volker Häring: China 151, Verlag: CONBOOK; Oktober 2014 (1. Auflage), S. 24
german.china.org: Gesundheitstipps: Die besten Lebensmittel für den Sommer
Steve: Bang Ye, or the Chinese Shirt Roll

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