Derweil in Wiesbaden: neues ökonomisches Denken

„China kauft deutsche Firmen auf. Dürfen die denn das? Billigen Stahl verkaufen die Chinesen auch. Dürfen sie das? Da müssen doch Zölle drauf gelegt werden.“ Provokation. Stille. Die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer ist Prof. Dr. Heiner Flassbeck an diesem Sonntag in Wiesbaden gewiss. Dem Mann geht es bei seinem Vortrag um neues ökonomisches Denken.

Der Wirtschaftswissenschaftler führt vor, dass dem Gedanken des Wettbewerbs der Nationen ein Denkmodell der Ökonomen zugrunde liegt, das unrealistisch und von Glaubenssätzen durchdrungen ist. Er plädiert für ein Überdenken alter Positionen und für eine Politik des Kooperierens. Was genau er meint zeigt er an Beispielen aus der Wirtschaft. Frankreich ist so ein Stichpunkt, Griechenland, auch Ghana und eben China.

China und der Stahl

Wie ist das nun, dürfen die Chinesen deutsche Firmen aufkaufen und billigen Stahl produzieren? Sie dürfen, meint der Professor. Nichts anderes ist doch vor wenigen Jahrzehnten in umgekehrter Richtung passiert. Riesige Fabriken haben die Deutschen in China gebaut. Die Margen waren gigantisch, denn während der Produktwert bei etwa 45 Euro die Stunde blieb, sank der Lohn von etwa 28 Euro die Stunde auf 2,80 Euro. Opfer dieser Entwicklung sind zum einen jene Firmen geworden, die in Deutschland geblieben sind und zum anderen viele chinesische Firmen, die bankrott gingen oder gar nicht erst entstehen konnten.

Doch obwohl die deutsche Industrie von den Dumpingpraktiken profitiert hat, sind die Chinesen wettbewerbsfähig geworden, denn zum einen haben die Deutschen auch die Technologie mit exportiert und zum anderen haben die asiatischen Länder, vor allem Japan, Südkorea und auch China begriffen: der Markt regelt nicht alles. Asiatische Regierungen haben von Anfang an erkannt, dass es kein Wachstum geben wird, wenn die Zinsen, wie in Afrika oder Brasilien, zwischen 25 und 30 Prozent betragen, auch die der so genannten Mikrokredite. Der chinesische Staat hat massiv eingegriffen, hat Unternehmen geholfen, Technologien zu kaufen oder zu kopieren, erklärt Prof. Dr. Heiner Flassbeck, und der Staat hat hohe Zölle auf Importe gelegt, sodass eine eigene Industrie entstehen konnte.

„Aber China investiert doch auch in Afrika?“ will eine Zuhörerin wissen. Ja, sie investieren, bestätigt der Ökonom, aber während der internationale Währungsfond (IWF) und die Weltbank gleichfalls ihre Ideologie verkaufen, mischen sich die Chinesen nicht in die inneren Angelegenheiten eines Staates ein. Wenn eine Straße von A nach B gebaut werden soll, dann erledigen sie das. Und nur das. Sie dürfen das.

Ein bisschen Hintergrund

Heiner Flassbeck
Der Wirtschaftswissenschaftler war unter Oskar Lafontaine von 1998 bis 1999 Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen und von Januar 2003 bis Ende 2012 Chef-Volkswirt (Chief of Macroeconomics and Development) bei der UNO-Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD) in Genf. 2005 wurde Flassbeck von der Hamburger Universität zum Honorar-Professor für Wirtschaft und Politik ernannt. Er ist Mit-Herausgeber der Online-Zeitschrift Makroskop.

MAKROSKOP – Analysen zu Politik und Wirtschaft:
geht ab 8.7.2016 in den Regelbetrieb; dann mit begrenztem Zugriff für Nichtzahler

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